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Ernst Hubert von Michaelis

1975 wurde Ernst Hubert von Michaelis gebeten, für ein junges Studentenpaar eine Fluchthilfe aus der DDR über den Transit in die Bundesrepublik zu vermitteln, die 1977 scheiterte. Das junge Paar wurde zu 5 Jahren verurteilt und 1980 in die Bundesrepublik entlassen.
Im Juni 1984 wurde Ernst Hubert von Michaelis zum Bürgermeister der Stadt Arolsen gewählt, einer Kleinstadt von 17.000 Einwohnern in Hessen. Aus Anlass einer Dienstreise benutzte er ahnungslos im Dezember 1984 nach West‑Berlin den Transitweg und wurde wegen eines vorhandenen Haftbefehls festgenommen. Die Festnahme auf dem Transitweg war deshalb umstritten, weil von Michaelis selbst die oben erwähnte Flucht nicht geplant und ausgeführt hatte. Üblicherweise wurde in vergleichbaren Fällen lediglich die Nutzung des Transits untersagt und die Durchreise verwehrt. So lautete auch die Information des damaligen Bundesministeriums für Innerdeutsche Beziehungen an ihn, die er vor der Reise eingeholt hatte.
Die Proteste der Bundesregierung blieben erfolglos. Die Verhaftung wurde persönlich durch das Mitglied des Politbüros und Ministers für Staatssicherheit Erich Mielke angeordnet. Vor dem Weihnachtsfest 1984 begannen die Verhöre des Ministeriums für Staatssicherheit in der Untersuchungshaftanstalt Berlin‑Hohenschönhausen. Drei Wochen lang wurde der Kontakt zu seiner Familie in Arolsen verwehrt. Die Ermittlungen führten zu einer Anklage, dabei war es unerheblich, dass er nur den Kontakt zu dem o.g. Fluchthelfer hergestellt hatte.
Im Februar 1985 wurde Ernst Hubert von Michaelis zu sechs Jahren Haft verurteilt. Er wurde im April 1985 nach Bautzen II verlegt und mit weiteren Inhaftierten im Zusammenhang mit einem Spionageaustausch im August 1985 in die Bundesrepublik entlassen.
Die Festnahme, sieben Jahre nach der Tat, war selbst für DDR‑Verhältnisse nicht alltäglich. Der überraschende Zugriff machte 1984 aus DDR‑Sicht aber durchaus Sinn. Damals liefen spektakuläre Botschaftsbesetzungen in den Hauptstädten der Ostblockländer, zwar noch nicht in dem Umfange wie 1989, allerdings bereits mit großer Wirkung innerhalb und außerhalb der DDR. Der eigenen Bevölkerung konnten die DDR‑Staatsorgane signalisieren, dass sich illegales Verlassen des zweiten deutschen Staates schon wegen der Fluchtrisiken nicht auszahlt. Und nach außen demonstrierten die DDR‑Strafverfolger, dass sie bei Deliktfällen wie „kommerzieller Fluchthilfe“, die sie als besonders schwerwiegend ansahen, kein Pardon gaben, auch nicht sieben Jahre nach der Tat.

Ernst Hubert von Michaelis, geboren 1949, war bis 1990 Bürgermeister in Arolsen, danach bis heute Geschäftsführer einer hessischen Immobiliengesellschaft. Er wohnt weiterhin in Bad Arolsen. Seit 2008 ist er Mitglied des Fördervereins.

Literaturhinweis:
Knabe, Hubertus (Hg.), Die vergessenen Opfer der Mauer. Inhaftierte DDR‑Flüchtlinge berichten, Berlin: List Taschenbuch 2009