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Sigrid Paul

Sigrid Paul wurde 1934 in Dommitzsch/Elbe geboren. Im Januar 1961 wurde ihr Sohn Torsten in Ost‑Berlin geboren. Durch ärztliches Fehlverhalten erkrankte er schwer, war auf Medikamente aus dem Westteil der Stadt angewiesen und ab dem 13. August 1961, nachdem die Mauer errichtet wurde, davon abgeschnitten. Nach einer lebensbedrohlichen Rückfallerkrankung wurde das Kind in eine West‑Berliner Klinik überwiesen. Die Eltern bekamen jedoch keine regelmäßige Besuchserlaubnis. Mit gefälschten Pässen versuchten sie daraufhin vergeblich, über Skandinavien aus der DDR zu fliehen. Im Februar 1963 wurde Sigrid Paul auf offener Straße verhaftet. Nach ihrer Festnahme wurde sie 22 Stunden lang durch das MfS ununterbrochen verhört. Nach sechsmonatiger Untersuchungshaft verurteilte sie ein DDR‑Gericht in Rostock wegen Beihilfe zur Republikflucht zu vier Jahren Zuchthaus. Als Strafgefangene musste sie zunächst in Rostock und danach bis August 1964 im Untersuchungsgefängnis Berlin‑Hohenschönhausen arbeiten. Nach ihrem Freikauf durch die Bundesregierung wurde Sigrid Paul nicht in die Bundesrepublik, sondern in die DDR entlassen. Im Sommer 1965 durfte Torsten endlich nach Hause zurückkehren. Er war fast fünf Jahre alt und redete seine Mutter mit „Sie“ an. Bis zum Fall der Mauer musste die Familie in Ost‑Berlin leben.
Seit 1991 führte Sigrid Paul Besuchergruppen durch die ehemalige Untersuchungshaftanstalt. Seit 2010 war sie Mitglied des Fördervereins.
Ihr Schicksal wurde u.a. in dem preisgekrönten Dokumentarfilm „Zersetzung der Seele“ von Nina Toussaint und Massimo Iannetta (Belgien/Deutschland 2002) dargestellt.

Wir alle haben Sigrid Paul als eine sehr liebenswerte, freundliche und bescheidene Frau kennengelernt, die ihr schweres Schicksal geprägt, aber nicht gebrochen hat. Als langjährige Besucherreferentin der Gedenkstätte hat sie unzählige Menschen über die Menschenrechtsverletzungen der SED‑Diktatur aufgeklärt.
Der Förderverein trauert um sein Mitglied Sigrid Paul.
Sie verstarb am 18. Juni 2011.

Literaturhinweise:
Paul, Sigrid:
Mauer durchs Herz, Berlin 2007;
The Wall Through My Heart, Berlin: A Baby Between Two Worlds, Übersetzung von Simon Burnett;
Frauenbrücke Ost‑West: Denk ich an Deutschland ... 20 Jahre Mauerfall, 20 Jahre Wiedervereinigung, Berlin 2009, S. 144‑148;

Funder, Anna: Stasiland, Hamburg 2004, S. 243‑279;
Gedenkstätte Berlin‑Hohenschönhausen (Hg.): Die vergessenen Opfer der Mauer. Flucht und Inhaftierung in Deutschland 1961‑1989. Berlin o. J., S. 41;
Knabe, Hubertus (Hg.), Gefangen in Hohenschönhausen, Berlin: List Taschenbuch 2009, S. 236‑247;
Materialien der Enquete‑Kommission: Überwindung der Folgen der SED‑Diktatur im Prozeß der deutschen Einheit, Bd. II/1, S. 156‑159;
Nooke, Maria: Der Verratene Tunnel. Geschichte einer verhinderten Flucht im geteilten Berlin 2002, S. 97 ff;
Vu, Franziska, Inhaftiert ‑ Fotografien und Berichte aus der Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit, Berichte zur Wanderausstellung, S.79‑84